9/11: „Ich ahnte, das wird vieles verändern“

Khushwant Singh erzählt in der taz, wie der 11. September seinen Alltag und das Zugehörigkeitsgefühl von Minderheiten wie den Sikhs verändert hat und was es mit unschuldigen Menschen macht, wenn sie plötzlich beweisen müssen, dass sie nicht zu den Tätern gehören.
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Khushwant Singh ist Gründungsmitglied des Rats der Religionen Frankfurt. Er publiziert und spricht an Schulen, Universitäten und in Podcasts zu Ethik, Weisheit und Nachhaltigkeit

Zwei Männer stehen neben mir im ICE, als der eine diesen Satz sagt: „Scheiße, die Taliban sind bis Hamburg vorgerückt!“ Ich erinnere mich gut. Es war 2013 und ich gerade auf dem Heimweg vom Bundeswirtschaftsministerium. Ich hatte Termine zur Willkommensinitiative „Make it in Germany“ der Bundesregierung, die ich damals mit koordinierte. Willkommenskultur live. In meiner Heimat Deutschland.

Die Zugepisode war kein einmaliges Erlebnis. Nach dem 11. September 2001 waren solche Vorfälle Alltag, besonders wenn in den Medien über Osama bin Laden berichtet wurde. „Scheiß-Taliban!“, „Terrorist! Bringt euch in Deckung!“ oder „Gleich geht die Bombe hoch!“, hieß es dann.

Gerichtet waren solche Äußerungen auch an Menschen, die versuchen, die weisheitsorientierte Lebensweise der Sikhi zu leben. So wie ich. In den USA erfuhren Sikhs nicht nur verbale Gewalt. Am 15. September 2001 wurde der Tankstellenbesitzer Balbir Singh in Arizona erschossen.

Als Kind von Asylbewerbern habe ich mühselig gelernt, Grenzen zu setzen. Wenn ich eine entwürdigende Äußerung höre, sage ich höflich: „Ich habe große Ohren unter meinem Turban. Warum hast du das gesagt?“ Das Staunen ist groß. Meistens wird geleugnet. Ich habe auch schon gesagt: „Passt. Bei uns ist immer Karneval.“

Selten entschuldigt sich jemand. Oder fragt mich, wie es sich anfühlt, in der eigenen Heimat ausgegrenzt zu werden. Deutschland ist ein wunderschönes und reiches Land, mit vielen tollen Menschen. Und doch erlebe ich oft Griesgrämigkeit. Nachdenklich macht mich auch die mangelnde Zivilcourage. Selbst in einem Zug, der aufgrund von Verspätung Raum für Dialog ohne Ausweg bietet, habe ich nie (!) erlebt, dass sich jemand an meine Seite stellt. Wie so oft im Leben musste ich als Teil der Spezies Homo Turbanus selbst klarkommen.

Den Turban tragen Sikhs nicht, um zu werben. Wir tragen ihn auch zu Hause. Wir missionieren nicht. Der Turban steht für die schützende Hand des Göttlichen. Er erinnert daran, dass etwas Höheres über uns steht. Dass wir kleine Lichter im Universum sind. Dass wir als Menschheit einer Familie angehören. Wenn ich den Turban morgens binde, inspiriert er mich bescheiden, die höchste Vision meiner selbst zu leben – würdevoll, mutig, gemeinwohlorientiert und im Einklang mit der Natur. Er ruft auch Gewalterfahrungen und transgenerationale Traumata ins Gedächtnis, die wir als religiöse Minderheit seit etwa 1606 kennen.

Am 11. September war ich im Studentenwohnheim in Heidelberg. Ich war in den Endzügen meines Studiums in Ethnologie und Erziehungswissenschaften. Mein kleiner Robotron-Fernseher aus der DDR lief. Ich sah die Twin Towers einstürzen. Als klar wurde, dass es ein Anschlag war, ahnte ich: Das wird vieles verändern, auch für uns Sikhs.

Fremde sind wir uns selbst

Ernst wird es, wenn das Abstrakte Gestalt annimmt. Gerade für Menschen, die unbeteiligt sind. Ich machte meinen Magister mit 1,0. Ich wurde nicht einmal zum Bewerbungsgespräch eingeladen. Beleidigungen erntete ich wiederholt. Ich ging nach London.

Vor 9/11 wurden wir Sikhs eher als Exoten wahrgenommen. Ich hörte: „Wo ist dein fliegender Teppich?“ Ich antwortete: „Der schwebte im Parkverbot und wurde abgeschleppt.“ Ein Mann rief mal: „In Deutschland herrscht Vermummungsverbot!“ Im Schwimmbad sagte ein Senior zu mir: „Du Scheiß Arafat, verschwinde!“ Ich fand auch damals nicht, dass ich wie Jassir Arafat aussehe. Ihr?

9/11 zeigt mir, wie wenig wir reflektieren, bevor wir uns äußern. Und wie stark wir uns von visuellen Eindrücken leiten lassen. Mit den wenig sozialen Medien hat sich das verschärft. Wir reagieren sofort. Daumen hoch. Daumen runter. Solidarisch. Empört. Unsere Sinne geben den Takt vor – unsere Seele kommt nicht mit.

Sikhi erinnert daran, das Vergängliche zu transzendieren. Sich nicht mit jedem Reiz und Gefühl zu identifizieren. Sich bewusst zu machen, dass wir alle seelisch Entfremdete in der Fremde sind.

Es ist menschlich, jemanden fremd zu finden. Daraus kann Neugierde entstehen. Wir können lernen, offene Fragen zu stellen: „Magst du mir erzählen, was hinter deiner Kopfbedeckung steckt?“ Schon entsteht ein Dialog.

Mir wird seit 9/11 immer klarer: Wir brauchen weniger Fachwissen und Spezialisierung. Das kann KI. Gerade in einem Land des materiellen Überflusses brauchen wir mehr soziale und emotionale Intelligenz. Deswegen setze ich mich auch ehrenamtlich unter anderem über den Rat der Sikhi dafür ein, dass generationenübergreifend solche Fähigkeiten kultiviert werden. Wenn ich beitragen kann, Empathie, Dialog, Respekt, Gemeinsinn und Komplementarität zu stärken, hilft dies auch, komplexe Vorgänge wie den Kolonialismus differenziert einzuordnen und die langfristigen Auswirkungen unseres Handelns zu reflektieren. Dies ist eine gesellschaftliche Aufgabe. Sie beginnt in unseren Familien und geht weiter in unseren Bildungsstätten, Gemeinden und Vereinen, bei der Arbeit und in der Politik.

Wir alle sitzen im Boot der Vergänglichkeit. Kein Vorurteil kann uns retten. Doch eine helfende Hand, eine klare Haltung und Orientierung können uns stützen. Im Alltag und beim Überqueren des Meeres der Diaspora, des ewigen Mysteriums, das wir das Leben nennen.

Die Weisen der Sikhi erinnern uns daran:

„Fremde sind wir uns selbst. Gekommen sind wir, um uns selbst zu erkennen, zu heilen und eins zu werden.“
ਯਾ ਜੁਗ ਮਹਿ ਏਕਹਿ ਕਉ ਆਇਆ ॥ GGS, 251, M.5

Khushwant Singh präsentiert Bundeskanzlerin Angela Merkel das Portal der Willkommensinitiative der Bundesregierung Make it in Germany beim Demografiegipfel am 5. Oktober 2012 in Berlin.
Credits: Khushwant Singh

Quelle: „Ich ahnte, das wird vieles verändern“", 5. September 2026, taz am Wochenende

Khushwant Singh

arbeitet in der Internationalen Zusammenarbeit. Er hat Ethnologie und Erziehungswissenschaften an der Universität Heidelberg (Magister) sowie Sozialanthropologie am Goldsmiths College der University of London (Master of Research) studiert und jeweils mit Auszeichnung abgeschlossen. Er engagiert sich ehrenamtlich im interreligiösen Dialog und ist Gründungsmitglied und ehemaliger Vorsitzender des Rates der Religionen Frankfurt. Singh kooperiert u.a. mit der Stiftung Weltethos, Religionen Entdecken, dem Bundeskongress der Räte der Religionen, dem Abrahamischen Forum (Religionsgespräche), dem Arbeitskreis Religionen und Naturschutz und der Stiftung gegen Rassismus. Ausgehend von Gurmat, zeitlosen Weisheiten, die im Zentrum der Sikhi stehen, widmet sich Singh der Jugendarbeit sowie der generationenübergreifenden Herzensbildung. Er publiziert auf Deutsch und Englisch zu den Themen Ethik, Spiritualität, Verhaltensänderung, Nachhaltigkeit und globalen Herausforderungen der Menschheit. Singh spricht auf Konferenzen, an Universitäten und Schulen und produziert den WisdomTalk Podcast “Leben mit Weisheit Living with Wisdom”.

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