Kritik als Gnade der Vervollkommnung: ਨਿੰਦਉ ਨਿੰਦਉ ਮੋ ਕਉ ਲੋਗੁ ਨਿੰਦਉ ॥

Kritik wird in einer weisheitsorientierten Lebensweise wie der Sikhi nicht als Angriff und Kränkung gesehen, sondern als Gnade zur Befreiung von Anhaftung an Vergänglichkeit. Denn je größer unser Ego, umso leichter wird es vom Pfeil der Kritik getroffen. Für eine bewusste Lebensführung sind nicht der Kritiker und die Kritik entscheidend, sondern der bewusste Umgang mit ihnen. Nicht die Welt soll sich ändern, sondern wir können unsere Reaktion auf die Welt ändern. Credits: AI, ChatGPT  

Die Kunst der Innenschau

Wir alle tragen Weisheit in uns. Wie ein Brunnen können wir daraus schöpfen. Die Innenschau lässt uns diesen Urbrunnen des Lebens wahrnehmen und daraus Inspiration für ein erfülltes Leben finden.

Weisheit erblüht intuitiv. Wie ein Lotus. Weisheit wirkt im Alltag. Sie verbindet uns mit dem Mysterium des Lebens. Weisheit geht weit über Wissen und Persönlichkeitsentwicklung hinaus. Sie fußt auf einem bewussten und achtsamen Leben, das erfüllt ist von Reflexion, selbsterlebten Einsichten und Tugenden. Sie setzt eine tiefe spirituelle Einsicht voraus. Weisheit speist sich aus einer intuitiven Ethik, die das langfristige Wohl aller im Blick hat. Sie ist immun gegen Trends und den Zeitgeist. Sie ermöglicht uns, Menschengemachtes zu reflektieren, hinter die Fassade der Vergänglichkeit zu blicken und weitsichtig zu denken, zu reden und zu handeln. Weisheit erhebt uns über flüchtige Gefühle und Gedanken, über den Körper sowie über Dogmen, Glaubensvorstellungen, Gruppenzugehörigkeiten, Institutionen und alle menschengemachten Abgrenzungen.

Leben mit Kritik

Kritik ist Teil unseres Lebens als Menschen. Pflanzen und Tieren sind weder Kritiker noch Kritisierte. Wir Menschen kritisieren und werden kritisiert: in der Partnerschaft, in der Familie, in den Bildungsinstitutionen, im Berufsleben und in der Gesellschaft.

Kaum etwas berührt unser Ego so sehr wie Kritik. Sie konfrontiert uns mit Grenzen. Sie stellt uns als Mensch infrage - und zwar in jedem Lebensalter. Das Thema Kritik ist deshalb zeitlos und unvermeidlich. In unserer Entwicklung ist der Umgang mit Kritik ein zentraler Eckpfeiler. Die Art, wie wir Kritik handhaben, macht sichtbar, ob und wo wir an Rollen, Anerkennung und Glaubenssätzen festhalten.

Bhagat Kabir: Ein Weiser, mit Mut zur Veränderung

Meister des Umgangs mit Kritik waren die Weisen, deren Offenbarungen im Herzen der Lebensweise der Sikhi stehen. Dazu zählt auch der Weise Bhagat Kabir. Bhagat Kabir lebte im 15. Jahrhundert im Raum Benares im Norden Indiens. Er stammte aus einer vermeintlich sozial niedrig gestellten Weberfamilie (Julaha), die von hinduistischen Vorstellungen und Ritualen sowie dem Islam stark beeinflusst war. Seine Überlieferungen wurden zunächst mündlich tradiert und später aufgeschrieben, unter anderem im Guru Granth Sahib (GGS). Dieses Werk enthält zeitlose seelische Weisheiten (Gurmat), die in schriftlich überlieferter Form Gurbani genannt werden. Gurbani vereinnahmt Bhagat Kabir nicht, sondern würdigt ihn als einen der Weisen, durch die göttliche Wahrheit hörbar wird. Dabei handelt es sich um dieselbe Wahrheit, die durch alle Erleuchteten erklingt, jenseits von Religion, Herkunft und sozialem Hintergrund.

Bhagat Kabirs Einsichten bezeugen die Gnade unmittelbarer innerer Erkenntnis des Göttlichen. Kabir spricht nicht abstrakt über Kritik, sondern aus gelebter Erfahrung. Er ließ bewusst hinduistische und muslimische Prägungen und Dogmen hinter sich. Er verwarf äußere Reinheitsvorstellungen und Essensvorschriften, das Kastendenken und Pilgerwesen sowie Ritualtum. Er kritisierte Traditionen wie die Götzenanbetung und Beschneidung ebenso wie den Gelderwerb im Namen der Religion und damit verbundene Formen des Ablasshandels. Als Reaktion darauf, wurde er von verschiedenen Seiten kritisiert – von seiner Familie, von seiner sozialen Umgebung und von hinduistischen und muslimischen Geistlichen, die ihre Vormacht gefährdet sahen. Bhagat Kabir nahm mit seinen Äußerungen persönliche Nachteile in Kauf. Gleichzeitig transformierte er die ihm entgegengebrachte Kritik und Verachtung für seinen Weg der Tugendhaftigkeit und Vervollkommnung. Er ließ den Weg der Massen und all den Ballast seiner Prägungen hinter sich, der ihn an der inneren Besteigung des Gipfels der Erleuchtung hinderte. In seinen Worten klingt es wie folgt:

ਲੋਗੁ ਕਹੈ ਕਬੀਰੁ ਬਉਰਾਨਾ ॥ ਕਬੀਰ ਕਾ ਮਰਮੁ ਰਾਮ ਪਹਿਚਾਨਾਂ ॥੪॥੬॥ GGS, 1158, Bhagat Kabir
Die Leute sagen Kabir sei verrückt. Doch Kabirs Wesen hat das Göttliche erkannt.

ਕਬੀਰ ਜਿਹ ਮਾਰਗਿ ਪੰਡਿਤ ਗਏ ਪਾਛੈ ਪਰੀ ਬਹੀਰ ॥ ਇਕ ਅਵਘਟ ਘਾਟੀ ਰਾਮ ਕੀ ਤਿਹ ਚੜਿ ਰਹਿਓ ਕਬੀਰ ॥੧੬੫॥ GGS, 1373, Kabir
Kabir: Die, die den Weg der religiösen Gelehrten gingen, hatten die Massen hinter sich. Den einen beschwerlichen Aufstieg zum Göttlichen jedoch wagt Kabir.

ਕਬੀਰ ਮੇਰਾ ਮੁਝ ਮਹਿ ਕਿਛੁ ਨਹੀ ਜੋ ਕਿਛੁ ਹੈ ਸੋ ਤੇਰਾ ॥ GGS, 1375, Bhagat Kabir
Kabir sagt: Nichts gehört mir, alles was ist, gehört dir.

Wenn Bhagat Kabir also Kritik preist, meint er nicht höfliche Rückmeldungen, sondern existenzielle Ablehnung, soziale Ausgrenzung und Entwürdigung. Seine Kritiker sind jene, die Angst vor Veränderungen haben. Gerade ihre Kritik erkennt Kabir als reinigend, weil sie ihm hilft, Bindungen an Anerkennung, Zugehörigkeit und Ego zu lösen. Erst vor diesem Hintergrund werden die nachfolgenden Verse verständlicher werden, in denen der Weise Kabir Kritik nicht nur akzeptiert, sondern als Gnade zur inneren Befreiung begreift.

Annäherung durch eine Übersetzung der Verse von Bhagat Kabir

ਗਉੜੀ ॥
ਨਿੰਦਉ ਨਿੰਦਉ ਮੋ ਕਉ ਲੋਗੁ ਨਿੰਦਉ ॥ ਨਿੰਦਾ ਜਨ ਕਉ ਖਰੀ ਪਿਆਰੀ ॥ ਨਿੰਦਾ ਬਾਪੁ ਨਿੰਦਾ ਮਹਤਾਰੀ ॥੧॥ ਰਹਾਉ ॥ ਨਿੰਦਾ ਹੋਇ ਤ ਬੈਕੁੰਠਿ ਜਾਈਐ ॥ ਨਾਮੁ ਪਦਾਰਥੁ ਮਨਹਿ ਬਸਾਈਐ ॥ ਰਿਦੈ ਸੁਧ ਜਉ ਨਿੰਦਾ ਹੋਇ ॥ ਹਮਰੇ ਕਪਰੇ ਨਿੰਦਕੁ ਧੋਇ ॥੧॥ ਨਿੰਦਾ ਕਰੈ ਸੁ ਹਮਰਾ ਮੀਤੁ ॥ ਨਿੰਦਕ ਮਾਹਿ ਹਮਾਰਾ ਚੀਤੁ ॥ ਨਿੰਦਕੁ ਸੋ ਜੋ ਨਿੰਦਾ ਹੋਰੈ ॥ ਹਮਰਾ ਜੀਵਨੁ ਨਿੰਦਕੁ ਲੋਰੈ ॥੨॥ ਨਿੰਦਾ ਹਮਰੀ ਪ੍ਰੇਮ ਪਿਆਰੁ ॥ ਨਿੰਦਾ ਹਮਰਾ ਕਰੈ ਉਧਾਰੁ ॥ ਜਨ ਕਬੀਰ ਕਉ ਨਿੰਦਾ ਸਾਰੁ ॥ ਨਿੰਦਕੁ ਡੂਬਾ ਹਮ ਉਤਰੇ ਪਾਰਿ ॥੩॥੨੦॥੭੧॥ GGS, 339, Bhagat Kabir

Rezitation als Resonanzraum zur Selbstreflexion

Die Verse sind im Rag Gaure (ਗਉੜੀ) komponiert. Der Rag Gaure gehört zu den am häufigsten verwendeten Melodienfolgen in der Gurbani. Seine Bedeutung erschließt sich, wenn die musikalische Struktur und die dahinter liegende spirituelle Inspiration gemeinsam betrachtet werden. Der Rag, die Melodieeinheit, liefert bei der Rezitation der Verse Orientierung für die Grundstimmung, die musikalisch erzeugt werden möchte. Traditionell wird Gaure dem Morgen bis späten Vormittag zugeordnet. Diese Tageszeit steht für Innenschau, Reinigung und Vorbereitung für eine spirituelle und ehrliche Ausrichtung für das anstehende Tagwerk.

Rag Gaure bildet einen Klangraum für aufrichtige Klärung. Es handelt sich dabei um keinen emotional aufwühlenden Rag, sondern um einen kontemplativen und ruhigen Klangteppich, in dem Selbsttäuschungen sichtbar werden. Der Rag ist entsprechend ornamentarm und meidet Spannungsbögen. Masken und innere Unreife werden entlarvt. Kritik wirkt hier nicht als Angriff, sondern als Mittel zur inneren Reinigung. Es kommt zu einer hörbaren Konfrontation ohne Aggression. Letztlich wirkt der Klangraum bei traditionellen Rezitationen in Begleitung von Instrumenten (Sabad Chaunki) immer auf das, was Gurbani als Man (ਮੰਨੁ) bezeichnet – das Ego. Durch Gleichmäßigkeit, fehlende Dramatik und Stabilität nimmt Gaure dem Ego den Resonanzraum.

Übersetzung

ਨਿੰਦਉ ਨਿੰਦਉ ਮੋ ਕਉ ਲੋਗੁ ਨਿੰਦਉ ॥
Kritisiert mich, ja, kritisiert mich, ihr Leute.

(ਨਿੰਦਉ – Imperativform von ਨਿੰਦਾ, bewusste Aufforderung zur Handlung; ਮੋ ਕਉ – mir gegenüber; ਲੋਗੁ – Leute, Menschen, die Gesellschaft)

ਨਿੰਦਾ ਜਨ ਕਉ ਖਰੀ ਪਿਆਰੀ ॥
Den Dienern des Göttlichen ist Kritik wahrhaft lieb.

(ਨਿੰਦਾ – Kritik, Lästerei; ਜਨ – der Diener, der sich demütig dem Göttlichen zuwendet und sich von der höheren Weisheit des Lebens leiten lässt; ਕਉ – Dativ, also wem etwas gilt oder zugutekommt, für; ਖਰੀ – echt, wahrhaft, unverfälscht; ਪਿਆਰੀ – lieb, wertvoll)

ਨਿੰਦਾ ਬਾਪੁ ਨਿੰਦਾ ਮਹਤਾਰੀ ॥੧॥ ਰਹਾਉ ॥
Kritik ist mir Vater und nährende Mutter zugleich. Halte inne.

(ਨਿੰਦਾ – Kritik; ਬਾਪੁ – Vater, Ursprung, Richtungsgeber; ਮਹਤ – aus Sanskrit Mahat, das Große, das Erhabene, das Ehrwürdige und das Suffix ਆਰੀ bezeichnet tragende, wirksame Prinzipien oder Rollen; ਮਹਤਾਰੀ drückt das groß machende und tragende aus, also eine Mutter (ਮਾਤਾ), nicht biologisch, sondern als das nährende Gegengewicht zum ordnenden Vaterprinzip (ਬਾਪੁ), grammatikalisch beide als Prädikat gesetzt; ਰਹਾਉ – Pause zur inneren Vertiefung und Reflexion des Hauptgedankens)

ਨਿੰਦਾ ਹੋਇ ਤ ਬੈਕੁੰਠਿ ਜਾਈਐ ॥
Wo Kritik geschieht, dort gelangt man in eine innere Weite.

(ਨਿੰਦਾ ਹੋਇ – wenn Kritik geschieht und nicht passiv erduldet, sondern wirksam wird; ਤ – dann; ਬੈਕੁੰਠਿ – aus Sanskrit Vaikuntha, Zustand ohne Enge, ohne Begrenzung, frei von Blockade, innerer Raum jenseits vom Ego; ਜਾਈਐ – man gelangt, Prozessform)

ਨਾਮੁ ਪਦਾਰਥੁ ਮਨਹਿ ਬਸਾਈਐ ॥
Der Schatz des Nam wird im Herzen verinnerlicht.

(ਨਾਮੁ – Essenz von Wahrheit und Weisheit; ਪਦਾਰਥੁ – Substanz, Schatz; ਮਨਹਿ – im Man, dem formenden Ego-Prinzip; ਬਸਾਈਐ – sich niederlassen, verankern, verinnerlichen)

ਰਿਦੈ ਸੁਧ ਜਉ ਨਿੰਦਾ ਹੋਇ ॥
Wenn Kritik das Herz erreicht, wird es geklärt.

(ਰਿਦੈ – Herz als innerer Wahrnehmungsraum; ਸੁਧ – gereinigt, klar; ਜਉ – wenn; ਨਿੰਦਾ ਹੋਇ – Kritik wirksam wird)

ਹਮਰੇ ਕਪਰੇ ਨਿੰਦਕੁ ਧੋਇ ॥੧॥
Meine Gewänder wäscht der Kritiker.

(ਹਮਰੇ – meine; ਕਪਰੇ – Gewänder, Hüllen der Identifikation, Rollen, Masken, Schichten des Egos; ਨਿੰਦਕੁ – der Kritiker, mit -ਉ Nominativ; ਧੋਇ – wäscht, reinigt)

ਨਿੰਦਾ ਕਰੈ ਸੁ ਹਮਰਾ ਮੀਤੁ ॥
Wer Kritik übt, ist mein Freund.

(ਨਿੰਦਾ ਕਰੈ – Kritik ausübt; ਸੁ – derjenige, der; ਹਮਰਾ – mein; ਮੀਤੁ – Freund, Gefährte)

ਨਿੰਦਕ ਮਾਹਿ ਹਮਾਰਾ ਚੀਤੁ ॥
Zu meinem Kritiker richtet sich mein Bewusstsein.

(ਨਿੰਦਕ – Kritiker, hier ohne -ਉ, da im Lokativ, gemeint ist ein Ort, eine Richtung oder ein innerer Bezugsraum; ਮਾਹਿ – in, zu; ਹਮਾਰਾ – mein; ਚੀਤੁ – ausgerichtete Aufmerksamkeit, Bewusstsein)

ਨਿੰਦਕੁ ਸੋ ਜੋ ਨਿੰਦਾ ਹੋਰੈ ॥
Ein Kritiker ist der, der weiter kritisiert.

(ਨਿੰਦਕੁ – der Kritiker als Rolle; ਸੋ ਜੋ – derjenige, der; ਨਿੰਦਾ ਹੋਰੈ – weiterhin Kritik äußert)

ਹਮਰਾ ਜੀਵਨੁ ਨਿੰਦਕੁ ਲੋਰੈ ॥੨॥
Mein Leben sehnt sich nach einem Kritiker.

(ਹਮਰਾ – mein; ਜੀਵਨੁ – Leben, gelebter Weg; ਨਿੰਦਕੁ – Kritiker; ਲੋਰੈ – sucht, begehrt)

ਨਿੰਦਾ ਹਮਰੀ ਪ੍ਰੇਮ ਪਿਆਰੁ ॥
Kritik ist meine Zuneigung und Liebe.

(ਨਿੰਦਾ – Kritik; ਹਮਰੀ – meine; ਪ੍ਰੇਮ – Liebe; ਪਿਆਰੁ – Liebe, doppelte Benennung verstärkt die Bedeutsamkeit)

ਨਿੰਦਾ ਹਮਰਾ ਕਰੈ ਉਧਾਰੁ ॥
Kritik bewirkt meine innere Befreiung.

(ਨਿੰਦਾ – Kritik; ਹਮਰਾ – mein; ਕਰੈ – bewirkt; ਉਧਾਰੁ – Herauslösung aus Bindung, Befreiung aus Verstrickung, emporheben)

ਜਨ ਕਬੀਰ ਕਉ ਨਿੰਦਾ ਸਾਰੁ ॥
Für den Diener Kabir ist Kritik das Wesentliche.

(ਜਨ – Diener; ਕਬੀਰ ਕਉ – für Kabir; ਨਿੰਦਾ – Kritik; ਸਾਰੁ – Essenz, Kern, das Tragende, das Extrahierte)

ਨਿੰਦਕੁ ਡੂਬਾ ਹਮ ਉਤਰੇ ਪਾਰਿ ॥੩॥
Der Kritiker geht unter; ich gelange ans andere Ufer.

(ਨਿੰਦਕੁ– der Kritiker, der am Ego verhaftet ist; ਡੂਬਾ – geht unter, verliert sich; ਹਮ – ich; ਉਤਰੇ – gelange hinüber; ਪਾਰਿ – Zustand jenseits von Dualität, Transzendierung vom Ego)

Die Kunst der Umkehr von Kritik

Bhagat Kabir nimmt in den übersetzten Versen im Einklang mit den anderen Weisen der Sikhi keine Differenzierung von Kritik vor. Es gibt keine berechtigte oder unberechtigte Kritik. Die übliche Abwesenheit einer dualistischen Sichtweise in der Gurbani ist kein Zufall, sondern zentraler Bestandteil eines erwachten Lebens. Eine Unterscheidung würde Rechtfertigung legitimieren und das Ego zum Richter machen. Daher wird Kritik nicht beantwortet, sondern transformiert.

Die Verse inspirieren dazu, Kritik zu transzendieren. Diese Kunst bedeutet keine soziale Unterwerfung oder gar die Billigung von Grenzüberschreitungen. Sie speist sich vielmehr durch eine veränderte Sicht auf Kritik. Diese Transformation zeigt sich der Fähigkeit, der Kritik jegliche Macht der Kränkung zu nehmen. Kritik verliert ihren Schrecken, sobald sie nicht mehr das Selbstbild bedrohen kann, sondern als Gnade angesehen wird, die Wahrheiten sichtbar macht. Dann sind auch nicht mehr der Kritiker und die Absicht wichtig, sondern die Wirkung der Kritik. Der Fokus verschiebt sich hin zu dem Reflexionsprozess, den die Kritik auslöst. Kritik wird dann funktional und nicht moralisch verstanden. Auf diese Weise kann Kritik einerseits helfen, blinde Flecken zu erkennen und uns selbst besser zu verstehen. Andererseits kann uns Kritik, wie bei Bhagat Kabir, vor Augen führen, dass unser Weg eben ein gänzlich anderer ist als der der Mehrheit.

ਜਿਹ ਮਾਰਗਿ ਇਹੁ ਜਾਤ ਇਕੇਲਾ ॥ ਤਹ ਹਰਿ ਨਾਮੁ ਸੰਗਿ ਹੋਤ ਸੁਹੇਲਾ ॥ GGS, 264, M.5

ਸਾਚੀ ਪ੍ਰੀਤਿ ਹਮ ਤੁਮ ਸਿਉ ਜੋਰੀ ॥ ਤੁਮ ਸਿਉ ਜੋਰਿ ਅਵਰ ਸੰਗਿ ਤੋਰੀ ॥੩॥ GGS, 658, Bhagat Ravi Das

Ethische Kritik statt Lästerei

Wichtig ist an dieser Stelle, den Unterschied zwischen ethischer Kritik und Lästerei zu verstehen. Ethische und verantwortungsvolle Kritik entsteht aus sorgfältiger Beobachtung und unabhängiger Auseinandersetzung. Sie zeugt von einer Klarheit über grundlegende Zusammenhänge des Lebens sowie über individuelle und gesellschaftliche Missstände. Verantwortete Kritik wird bewusst, ehrlich und offen geäußert. Sie hilft unnötigen Ballast abzuwerfen und setzt Energie frei, indem sie zur Verhaltensänderung inspiriert und Wege aufzeigt, wie wir uns innerlich erheben können. Verantwortungsvolle Kritik entspringt der Wahrheit und nicht der Rechthaberei. Sie wird aus einer gelösten Distanz zu sich selbst und zu denjenigen vorgebracht, die kritisiert werden.

ਬੋਲੀਐ ਸਚੁ ਧਰਮੁ ਝੂਠੁ ਨ ਬੋਲੀਐ ॥ ਜੋ ਗੁਰੁ ਦਸੈ ਵਾਟ ਮੁਰੀਦਾ ਜੋਲੀਐ ॥੩॥ GGS, 488, Bhagat Sheikh Farid

ਜਿਨ ਸਚੁ ਪਲੈ ਸਚੁ ਵਖਾਣਹਿ ਸਚੁ ਕਸਵਟੀ ਲਾਵਣਿਆ ॥੧॥ GGS, 112, M.3

Lästerei hingegen ist eine Last. Sie zieht Energie, da sie auf einer tiefen Verstrickung mit vergänglichen Phänomenen und anderen Menschen fußt. Tratsch und Klatsch basieren auf sinnlosem Kreisen um andere und deren Abwertung, um sich selbst aufzuwerten. Sie offenbaren das eigene Unvermögen zur Innenschau und dienen als Flucht von der Auseinandersetzung mit den eigenen Unzulänglichkeiten.

ਮੁਖਿ ਨਿੰਦਾ ਆਖਾ ਦਿਨੁ ਰਾਤਿ ॥ ਪਰ ਘਰੁ ਜੋਹੀ ਨੀਚ ਸਨਾਤਿ ॥ GGS, 24, M.1

ਨਿੰਦਾ ਚਿੰਦਾ ਕਰਹਿ ਪਰਾਈ ਝੂਠੀ ਲਾਇਤਬਾਰੀ ॥ GGS, 155, M.1

ਨਿੰਦਾ ਕਰਹਿ ਸਿਰਿ ਭਾਰੁ ਉਠਾਏ ॥ GGS, 372, M.5

Je größer unser Ego, desto leichter wird es getroffen

Kritik trifft nie zufällig. Kritik berührt jene Stellen, an denen Identifikationen und Erwartung wirken. Je größer unser Ego ist, desto eher wird es vom Pfeil der Kritik getroffen. Das Ego entsteht durch angehäufte Identifikationen mit Sinneswahrnehmungen. Je mehr Anhaftung, umso größer das Ego. Wir können dieses universelle Prinzip wie ein Fieberthermometer für unsere Selbstprüfung nutzen. Wo schnell Verletzung und Abwehr in uns entsteht, ist eine hohe Anhaftung vorhanden. Die Wirkung von Kritik macht also den Grad des Fiebers unseres Egos sichtbar.

Bittere Wahrheiten sind süß

Auf spirituelle Menschen wirken bittere Wahrheiten und Tadel süßlich und nicht kränkend. Der folgende Vers von Gur Ram Das bringt dies wundervoll auf den Punkt:

ਜੇ ਗੁਰੁ ਝਿੜਕੇ ਤ ਮੀਠਾ ਲਾਗੈ ਜੇ ਬਖਸੇ ਤ ਗੁਰ ਵਡਿਆਈ ॥੨੫॥ GGS, M.4, 757

Weise Menschen erkennen, dass jede Ent-täuschung einen näher an eine wahrhaftige Haltung bringt. Wenn eine Wahrheit ausgesprochen wird oder sich im Herzen durch den inneren Kritiker Gehör verschafft, wird sie von weisen Menschen als Stimme der Fürsorge und Weisung erlebt. Sie hilft, das Ego zu schwächen und bereitet den Nährboden für inneres Wachstum. Lob und Kritik werden bei solch einer erwachten Bewusstseinsebene gleichermaßen transzendiert. Tadel kränkt das Ego nicht. Lob vergrößert das Ego nicht. Gur Nanak, Gur Arjan und Gur Tegbahdar drücken dies so aus:

ਨਿੰਦਕੁ ਨਿੰਦੈ ਮੁਝੈ ਪਿਆਰਾ ॥੧॥ ਰਹਾਉ ॥ ਜਿਸੁ ਨਿੰਦਹਿ ਸੋਈ ਬਿਧਿ ਜਾਣੈ ॥ ... ਉਸਤਤਿ ਨਿੰਦਾ ਸਬਦੁ ਵੀਚਾਰੁ ॥ GGS, 1330, M.1

ਉਸਤਤਿ ਨਿੰਦਾ ਨਾਨਕ ਜੀ ਮੈ ਹਭ ਵਞਾਈ ਛੋੜਿਆ ਹਭੁ ਕਿਝੁ ਤਿਆਗੀ ॥ GGS, 963, M.5

ਉਸਤਤਿ ਨਿੰਦਾ ਦੋਊ ਤਿਆਗੈ ਖੋਜੈ ਪਦੁ ਨਿਰਬਾਨਾ ॥ GGS, 219, M.9

Lebenslanges Lernen: Wenn sauberes Wasser nicht mehr fließt, entsteht ein trübes Gewässer

Wir lernen: Kritik hilft, Selbstüberhöhung und Stolz zu überwinden. Sie entlarvt Selbstdarstellung und Narzissmus. Sie hält Lernfähigkeit lebendig. Gerade dort, wo Macht, Status und bestehende Strukturen von denen erhalten werden wollen, die davon profitieren, wird Kritik als Störung empfunden. Doch die Weisheit des Lebens zeigt: Wenn sauberes Wasser nicht mehr fließt, entsteht ein trübes Gewässer. Wo Kritik fehlt, ist Stagnation. Wo ehrliche Reflexion gemieden wird, ist inneres Wachstum unmöglich. Wo Angst davor herrscht, die eigene Komfortzone zu verlassen, verblassen Lebensfreude und Kreativität. Lebenslanges Lernen und Wachstum gleichen einer stetigen inneren Bewegung.

Nicht die Welt soll sich ändern, sondern wir können unsere Reaktion auf die Welt ändern

Weise Menschen machen sich Kritik nicht zu eigen, aber integrieren sie, wo sinnvoll, in ihren Reifungsprozess. Was wir fürchten, ist ihr Meister. Genau diese Umkehrung steht im Zentrum der erörterten Verse von Bhagat Kabir. Kritik ist dabei kein soziales Problem, das gelöst werden muss, sondern eine Möglichkeit der Selbstbeobachtung. Gerade dann, wenn Kritik unberechtigt oder aus strategischen Erwägungen an uns herangetragen wird, geht es darum zu erspüren, wo sich unser Ego entfaltet. In einer Zeit fortwährender (digitaler) Selbstdarstellung in den sogenannten Sozialen Medien, Vergleiche und öffentlicher Bewertungen gewinnt diese Einsicht eine neue Aktualität. Likes, Zustimmung und Sichtbarkeit nähren das Ego auf verschiedensten Ebenen, während Kritik schnell als Bedrohung erlebt wird.

Zeitlose Weisheiten stellen dem verbreiteten Umgang mit Kritik eine innere reflektierte Freiheit entgegen. Sie geben keinen moralischen oder sozialen Ratschlag, wie man miteinander umgehen sollte. Sie teilen eine universelle Einsicht: Nicht die Welt soll sich ändern, sondern wir können unsere Reaktion auf die Welt ändern. Kritik verliert ihre angstmachende Macht dort, wo sie zu einer Brücke zur Befreiung vom Ego wird. Sie macht das Herz nicht enger, sondern weitet es. Entscheidend ist dann nicht länger die Qualität der Kritik oder ihre Angemessenheit und nicht einmal ihre Absicht. Maßgeblich ist der innere Raum, auf den die Kritik trifft. Kritik wird zu einem Spiegel, der nicht die Fehler der anderen, sondern die eigenen Anhaftungen sichtbar macht. So verschiebt sich die Aufmerksamkeit vom Kritiker und der Kritik auf das eigene Bewusstsein. Kritiker bleiben am Gegenüber gebunden. Befreiung geschieht durch innere Durchlässigkeit – still, aber wirksam.

Was wäscht, will nicht recht haben. Es wäscht einfach und wirkt. Der Regen regnet einfach. Er kommt ohne Absicht, wann er will - und nicht wenn wir wollen.

Was nach dem Tod bleibt: Der Dreiklang aus Liebe, Licht und Weisheit

Was bleibt am Ende unseres Lebens? Ansehen, Geld, Besitztümer und unserer Körper jedenfalls nicht. All dies lassen wir auf der spirituellen Reise als Gäste im Universum hinter uns. Doch der Dreiklang aus Liebe, Licht und Weisheit bleibt. Je mehr unsere Seele strahlt, umso näher ist sie der Vervollkommnung und Heimkehr in den Ozean aller Erleuchteten Seelen, das magische Mysterium des Göttlichen - die ewige Einheit.

ਨਾਨਕ ਦੁਨੀਆ ਕੀਆਂ ਵਡਿਆਈਆਂ ਅਗੀ ਸੇਤੀ ਜਾਲਿ ॥ ਏਨੀ ਜਲੀਈਂ ਨਾਮੁ ਵਿਸਾਰਿਆ ਇਕ ਨ ਚਲੀਆ ਨਾਲਿ ॥੨॥ GGS, 1290, M.2

Selbstreflexion

1. Welche Kritik trifft mich besonders stark? Welche Selbstbilder, Glaubenssätze und Anhaftungen werden dadurch berührt oder gar infrage gestellt?

2. Wo strebe ich nach sozialer Anerkennung und warum? Was passiert mit mir, wenn ich diese Anerkennung nicht bekomme?

3. Meide ich kritische Fragen oder Rückmeldungen und wechsele dann lieber das Thema, schweige oder zucke mit den Achseln? Wenn ja, warum und mit welchem Ziel?

4. Wenn ich demnächst Kritik erfahre, dann nehme ich mir vor …!

Khushwant Singh

arbeitet in der Internationalen Zusammenarbeit. Er hat Ethnologie und Erziehungswissenschaften an der Universität Heidelberg (Magister) sowie Sozialanthropologie am Goldsmiths College der University of London (Master of Research) studiert und jeweils mit Auszeichnung abgeschlossen. Er engagiert sich ehrenamtlich im interreligiösen Dialog und ist Gründungsmitglied und ehemaliger Vorsitzender des Rates der Religionen Frankfurt. Singh kooperiert u.a. mit der Stiftung Weltethos, dem Bundeskongress der Räte der Religionen, dem Abrahamischen Forum (Religionsgespräche), dem Arbeitskreis Religionen und Naturschutz und der Stiftung gegen Rassismus. Ausgehend von Gurmat, zeitlosen Weisheiten, die im Zentrum der Sikhi stehen, widmet sich Singh der Jugendarbeit sowie der generationenübergreifenden Herzensbildung. Er publiziert auf Deutsch und Englisch zu den Themen Ethik, Spiritualität, Verhaltensänderung, Nachhaltigkeit und globalen Herausforderungen der Menschheit. Singh spricht auf Konferenzen, an Universitäten und Schulen und produziert den WisdomTalk Podcast “Leben mit Weisheit Living with Wisdom”.

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Inspiration für (m)ein Leben mit Weisheit: ੴ Annäherung an das Mysterium der Einheit