Zeitvorstellungen in der Sikhi: Momo, Linearität, Kolonisierung und die Kunst der Zirkularität

Der Essay von Khushwant Singh erkundet das Spannungsfeld zwischen dem Chronos als lineare und ökonomisierte Zeitvorstellung und dem Kairos als erlebte Eigenzeit. Singh zeigt auf, dass Konzepte von Zeit nicht neutral sind, sondern Ausdruck von Weltdeutungen, Kontrolle und Machtverhältnissen. Sie sind zudem eng verknüpft mit Vorstellungen von Leben und Tod. Lineare Zeitvorstellungen wie der gregorianische Kalender haben sich historisch durchgesetzt und dabei unter anderem durch Kolonisierung und Hegemonie zyklische Perspektiven verdrängt. Sie begünstigten nicht nur die Ausbeutung von Menschen, Tieren und der Natur, sondern stehen auch in Verbindung mit Gegenwartsphänomenen wie Bestrebungen zur Lebensverlängerung und zum Transhumanismus. Ausgehend von der Lebensweise der Sikhi, die sich in Asien ab dem 15. Jahrhundert n. Chr. entwickelte, bietet der Beitrag Einsichten in eine spirituelle und zyklische Betrachtungsweise von Zeit und göttlicher Ordnung. Dabei eröffnet der Essay einen Reflexionsraum dafür, in einer kapitalistischen und digitalisierten Welt Zeit jenseits linearer Fortschrittslogiken zu begreifen und den Tod nicht als Ende, sondern als Übergang innerhalb kosmischer Evolution zu sehen.
Credits: Pixabay

Das Blatt erblüht.
Fällt vom Baum.
Mit Würde.
Wird zur Erde.
Bringt neues Leben hervor.

Das Paradox der Zeit: Gemessene versus wahrgenommene Eigenzeit

Zeit und Tod sind zwei Seiten einer Medaille. Wie wir Zeit deuten, beeinflusst auch, wie wir dem Tod begegnen. Und wie wir den Tod sehen, hängt davon ab, wie wir leben. Ausgehend von den Einsichten der Sikhi eröffnet dieser Essay einen Reflexionsraum für eine spirituelle Sicht auf die Themen Zeit und Tod und verbindet dies mit kolonialen Zusammenhängen und heutigen Menschheitsherausforderungen. Beginnen wir mit dem Thema Zeit.

Keine Uhr kann das Gefühl eines Augenblicks einfangen. Hinter der Fassade aus 86.400 Sekunden und 24 Stunden pro Tag verbergen sich viele Geheimnisse. So erleben wir die messbare Zeit oft gemäß zwei Zeitdimensionen: in der linearen und messbaren Zeit, dem Chronos, und in der Eigenzeit, dem Kairos.

Die Physik definiert objektive Zeit in Einheiten anhand der Schwingung von Cäsium-Atomen. Wir hingegen erleben Zeit subjektiv. Sie dehnt sich aus oder zieht sich wie ein lebendiges Gewebe zusammen, je nachdem, wie wir eine Erfahrung erleben. Momente der Angst erscheinen uns ewig, während Stunden voller Freude wie im Flug vergehen. In Momenten hoher Intensität speichert unser Gehirn mehr Details, was die Zeit in der Rückschau ausdehnt. Wenn wir uns hingegen Routinen hingeben, filtert das Gehirn die Redundanz heraus, und die Zeit scheint rückblickend zu schrumpfen. Für Kinder vergehen Jahre oft langsamer, da ihr Gehirn ständig neue Reize verarbeitet, während sie im Alter zu rasen scheinen, da die Anzahl prägender Erlebnisse abnimmt und Routinen überwiegen (Adam, 1990; Wittmann, 2016).

Nicht nur die Wissenschaft befasst sich mit dem Phänomen Zeit. Auch in Romanen finden wir bemerkenswerte Schilderungen.

Momo, Longevity und die Transhumanisten

In dem Roman Momo von Michael Ende von 1973 leistet ein Mädchen Widerstand gegen die grauen Herren, die Agenten der Zeit-Spar-Kasse sind. Sie überreden die Menschen dazu, Zeit zu sparen, indem sie auf Träumen, Spielen, Kunst, Freundschaft oder Nichtstun verzichten. Die Menschen werden dadurch hektisch, kalt und freudlos, obwohl sie glauben, effizienter zu werden. Ihr Leben wirkt nun eher wie ein Tod. Die kleine Momo ist die Einzige, die dem standhalten kann. Da sie keine Pläne für die Zukunft und keine Sorgen um die Vergangenheit hat, lebt sie im Augenblick. Sie ist eine Meisterin des Kairos und hat eine besondere Gabe: Sie kann zuhören.

Die grauen Herren symbolisieren den Chronos: eine lineare, ökonomisierte Zeitvorstellung, in der jede Sekunde einen Nutzwert haben muss. Meister Secundus Minutus Hora und die Schildkröte Kassiopeia, die Momo beistehen, fungieren als personifizierte Konzepte über das Wesen der Zeit. Meister Hora symbolisiert das Wesen zyklischer Kreisläufe. Seine Erscheinung verändert sich im Verlauf des Tages vom Greis bis zum Kind. Dann beginnt dieser Prozess von vorn. Kassiopeia steht für eine Form von Zeit, die sich der Messbarkeit entzieht. Sie bewegt sich langsam, ist aber dennoch immer zur rechten Zeit am richtigen Ort. Sie kann sogar ein wenig in die Zukunft sehen. Dies symbolisiert Intuition, die nicht rechnet, sondern einfach weiß. Ihr Name verweist auf ein Sternbild, was ihre Verbindung zum Kosmischen unterstreicht. Momo schafft es mit Hilfe der beiden, das Hauptquartier der Zeitdiebe zu finden und die gestohlene Zeit in Form von Stundenblumen zu den Menschen zurückzubringen. Das Bild der Stundenblumen hilft, Zeit von einem mathematischen Gut in ein lebendiges Phänomen zu verwandeln. Eine Blume blüht und verwelkt. Weder sie noch ihr Duft und ihre Schönheit können aufgespart werden.

Michael Ende nahm einiges von dem vorweg, was heute in Bezug auf Zeit vielerorts Realität ist. Gerade in Industrienationen haben wir aufgrund zahlreicher technischer und medizinischer Fortschritte mehr Geld, Annehmlichkeiten und Freizeit als Menschen in früheren Zeiten, etwa während der Industrialisierung. Der World Happiness Report 2026 zeigt jedoch, dass steigender materieller Wohlstand nicht automatisch zu höherer Lebenszufriedenheit führt. Als zentrale Einflussfaktoren identifiziert der Bericht den Verlust realer sozialer Bindungen, sinkendes Vertrauen in Mitmenschen und Institutionen sowie zunehmende psychische Belastungen. Auffällig ist, dass Länder mit hoher sozialer Fragmentierung und wachsender Einsamkeit niedrigere Werte für Wohlbefinden aufweisen, selbst wenn Einkommen und Konsumniveau hoch bleiben. Höhere Nutzung sozialer Medien bei Jugendlichen korreliert mit geringerer Lebenszufriedenheit bzw. geringerem Wohlbefinden. Der Bericht verweist darauf, dass menschliche Zufriedenheit stärker von stabilen Beziehungen, Vertrauen und gesellschaftlicher Verbundenheit abhängt als von rein wirtschaftlichem Wohlstand (Helliwell, Layard, Sachs, De Neve, Aknin & Wang, 2026). Dies ist ein auffälliger Befund, denn eigentlich nutzen wir immer mehr Zeit zur Selbstoptimierung. Einen Anteil an dieser Entwicklung hat unser Umgang mit digitalen Technologien, die zugleich Symptom und Verstärker sind.

Virtuelle Austauschplattformen und Chatbots nutzen gezielt unser Bedürfnis nach Aufmerksamkeit und Selbstdarstellung. Durch algorithmisch gesteuerte Inhalte versuchen sie, uns möglichst lange zu binden. Sie erzeugen den Eindruck, hinter jedem weiteren Wischen oder Klick warte ein noch befriedigenderer Impuls. So investieren wir immer mehr Zeit in digitale Medien, vergleichen uns mit anderen anhand von Likes und Followern und stehen scheinbar permanent miteinander in Verbindung. In existenziellen Krisensituationen zeigt sich jedoch, wie flüchtig digitale Netzwerke sein können und dass virtuelle Nähe menschliche Verbundenheit nur begrenzt ersetzen kann (Rushkoff, 2013; Rosa, 2005; Wajcman, 2015; Haidt, 2024).

Longevity und der Transhumanismus sind eine neue Form der Selbstoptimierung und Beherrschung der Zeit. Das menschliche Altern soll durch Optimierung der Ernährung und durch Technologie nicht nur verlangsamt werden. Ziel ist, den Tod als biologische Notwendigkeit zu überwinden. In dieser bio-technokratischen Vision wird der Körper als reparaturbedürftige Hardware betrachtet. Diese soll durch klinische Eingriffe, genetische Optimierung oder das Hochladen des Bewusstseins in digitale Speicher unsterblich werden. Vor allem extrem reiche Menschen greifen dabei zur Methode der Kryonik: Ihre Körper werden nach dem Herzstillstand in flüssigem Stickstoff bei etwa -196 °C gelagert, in der Hoffnung auf eine technologisch hervorgerufene Reanimation in der Zukunft. Zeit wird hier als lineare Variable betrachtet, die durch Eingriffe kontrolliert werden soll (Ettinger, 1962; More, 2013; Attia & Gifford, 2023).

Der Versuch, Zeit beherrschbar zu machen, begann lange vor der modernen Biotechnologie und offenbart sich besonders bei der Setzung jener zeitlichen Fixpunkte, die unseren Alltag ordnen.

Definitionsmacht des Jahresanfangs und die Beherrschbarmachung von Zeit

Warum beginnt das Neujahr eigentlich am 1. Januar? Bei genauerer Betrachtung entpuppt sich unser heutiger Kalender nicht als Naturkonstante, sondern als menschengemachtes Machtinstrument.

Vor etwa 2000 Jahren begann im antiken Rom das Jahr im März. Neujahr war eng verbunden mit dem Frühling, dem Erwachen der Natur. Die Felder konnten wieder bestellt werden. Der März war aber auch verbunden mit militärischem Aufbruch. Denn Mars war nicht nur ein Gott des Ackerbaus, sondern auch des Krieges. Im Winter ruhten oftmals die Waffen aufgrund der Witterung. Mit dem März begann die neue Feldzugssaison. Der September (lateinisch septem = sieben) war der siebte und nicht wie heute der neunte und Dezember (decem = zehn) der zehnte Monat. Eine Anpassung erfolgte etwa 153 vor Beginn der heute dominierenden christlichen Zeitrechnung, als der römische Senat den Amtsantritt der Konsuln auf den 1. Januar legte. Der Jahresbeginn wurde damit zunehmend von ökologischen Rhythmen getrennt und in den Dienst staatlicher Effizienz gestellt. Julius Caesar festigte diese Ordnung im julianischen Kalender. In einem Reich, das sich von Gallien bis Ägypten erstreckte, mussten Befehle über lange Wege und Zeiträume koordiniert werden. Ein einheitlicher, linearer Kalender war hierbei hilfreich. Mit einem definierten Jahr mit 365 Tagen war es einfacher, bürokratische und militärische Prozesse sowie Budgets zu planen. Papst Gregor XIII. ersetzte 1582 den julianischen durch den gregorianischen Kalender. Dieser beinhaltete eine verfeinerte Schaltregel. Die gregorianische Reform perfektionierte die Messung linearer Zeit, die vom Punkt Null der christlichen Zeitrechnung bis zum Ende der Zeit, also bis zum jüngsten Gericht, in die Zukunft weist (Richards, 1998; Borst, 1990; Steel, 2000).

Interessant ist, dass alternative lineare Kalender den Punkt Null nicht bei einer religiösen Figur ansetzen. Die Zählweise des Holozän-Kalenders beginnt mit der Entstehung der menschlichen Zivilisation. Demnach befinden wir uns heute im Jahr 12.026 Human Era. Das Konzept der Big History bettet den Menschen ein in eine epische Evolution. Demnach beginnt die Zeitrechnung vor etwa 13,8 Milliarden Jahren mit dem Urknall und der Entstehung unseres beobachtbaren Universums (Emiliani, 1993; Knoll, 2003; Christian, 2018). Solche alternativen Zeiteinteilungsmodelle erinnern uns daran, dass wir Menschen nicht die Krone der Schöpfung sind, sondern Lebewesen in einem uralten Ökosystem. Die Feier eines neuen Jahres kann in einer solchen Zeitperspektive als Verneigung vor der Magie und Resilienz des Lebens verstanden werden, vor einem Leben, das Meteoriteneinschläge, Eiszeiten, Massenaussterben und Kontinentaldrift überdauerte.

Lineare Hegemonie: Die Kolonisierung indigener Zeitvorstellungen

Ein Blick in die Kolonialgeschichte und ihre vielfältigen und bis heute andauernde Auswirkungen auf (End-)Zeitvorstellungen verschiedenster Traditionen hilft uns, die machtpolitischen Dimensionen des Themas Zeit besser zu verstehen.

Der Begriff Eschatologie geht ausgehend von abrahamitischen Sichtweisen maßgeblich auf den lutherischen Theologen Abraham Calov zurück, der im 17. Jahrhundert n. Chr. lebte. Er beschreibt Vorstellungen eines Weltendes und eines finalen Gottesgerichts, bei dem die Geschöpfe zur Rechenschaft gezogen werden (Pannenberg, 1993). Dieses lineare Endzeitdenken blieb keine innerkirchliche Angelegenheit, sondern spielte auch im Kolonialismus eine Rolle.

Ausgehend vom Überlegenheitsgefühl europäischer Mächte wurden lokale Zeitvorstellungen und astronomische Zeitrechnungen, die auf der Beobachtung von Naturvorgängen beruhten, im Zuge der Kolonisierung abgewertet und zurückgedrängt. Missionare fungierten dabei häufig als Vorreiter, indem sie ihre Glaubensvorstellungen, darunter auch ihre Eschatologie, der lokalen Bevölkerung näherbrachten. Die Kirchenglocke symbolisiert dies eindrücklich. Die Einführung eines strukturierten Tagesablaufs in Missionsstationen mit festen Zeiten für Gebet, Arbeit und Unterricht half, lokale, zumeist zyklenbasierte Weltsichten durch eine mechanische Taktung zu ersetzen. In der Landwirtschaft wurden einheimische Bauern dazu angehalten, nicht mehr nach dem Bedarf des Bodens oder der Gemeinschaft zu säen, sondern nach den Terminbörsen der Kolonialmächte. Da Bildung und der Zugang zu administrativen Ressourcen an die Beherrschung der Sprache, der Schrift, des Habitus und der Verwaltungsprozesse der Kolonisatoren geknüpft waren, passten sich die Einheimischen gemäß den ihnen jeweils zur Verfügung stehenden Handlungsoptionen an. So wurden indigene Sprachen und Einsichten allmählich an den Rand gedrängt. Das Wort Hegemonie fasst diese facettenreiche Form der Vorherrschaft zusammen: Sie beruht nicht allein auf psychischer und physischer Gewalt sowie einer Überlegenheit an Ressourcen, sondern auch auf kultureller Assimilation und Zustimmung. Wenn Vorstellungen, Sprache, Verwaltungstechniken und Wirtschaftsformen von Kolonisatoren so sehr verinnerlicht werden, dass sie im Verlauf der Generationen als alternativlos, erstrebenswert oder gar als eigene Kultur begriffen werden, ist die effektivste Form der Kolonisierung erreicht. Die Einführung der mechanischen Uhrzeit und des gregorianischen Kalenders in den Kolonien diente also nicht nur der Vereinheitlichung, sondern auch dazu, die Arbeitskraft der lokalen Bevölkerung zu disziplinieren und sie für das globale Handelsnetzwerk anschlussfähig zu machen. Die Einführung von Kontrollinstrumenten wie der Stechuhr half, Einheimische dem Takt der industriellen Produktion zu unterwerfen und die traditionellen Lebensrhythmen durch eine messbare und profitmaximierende Arbeitszeit zu ersetzen (Fanon, 1967; Said, 1978; Ngũgĩ wa Thiong'o, 1986; Mudimbe, 1988; Comaroff & Comaroff, 1991; Nanni, 2012; Shiva, 1993).

Lunisolare Kalender und kosmische Rhythmen

Die globale Dominanz linearer Zeitvorstellungen verdeckt zumeist alternative Entwürfe, die über Jahrtausende hinweg entwickelt wurden. Bereits ein kurzer Blick in solche Traditionen, die Zeit eher zirkulär begreifen, offenbart, dass sie das Ergebnis aufmerksamer Beobachtung kosmischer Vorgänge und Veränderungen in der Natur sind.

Die alleinige Orientierung am Sonnenlauf reichte zahlreichen Kulturen bei der Entwicklung naturorientierter Zeiteinteilungen nicht aus. Diese Zivilisationen waren sich bewusst, dass der Mond über die Gezeitenkräfte nicht nur die globalen Meeresströmungen und damit die Lebenszyklen mariner Ökosysteme beeinflusst, sondern auch Fortpflanzungs- und Wanderungsmuster von Lebewesen. Für sie bildete die Beobachtung der Mondphasen eine natürliche Uhr, um kritische ökologische Zeitfenster für Fischerei und Landwirtschaft vorherzusagen. Entsprechend schenkten lunisolare Kalendersysteme Mond und Sonne gleichermaßen Beachtung, auch um Feiertage mit den biologischen Zyklen von Saat und Ernte zu harmonisieren. Erste Formen solcher lunisolarer Konzepte wurden bereits vor über 4000 Jahren in Mesopotamien im heutigen Irak entwickelt und finden sich bis heute in Asien, unter anderem in China und Indien. Ein Beispiel ist der lunisolare Kalender Bikrami. Dieser wird seit über 2000 Jahren in Nordindien, auch im Panjab, der Ursprungsregion der Sikhi, verwendet (Mbiti, 1969; Needham, 1959; Hall, 1983).

Dieser kurze Blick in die Geschichte lunisolarer Kalender lässt bereits erahnen, wie Menschen seit Jahrtausenden versucht haben, das Irdische mit dem Kosmischen in Einklang zu bringen. Die Lebensweise der Sikhi liefert in diesem Zusammenhang bisher noch wenig bekannte, gleichwohl tiefgründige Einsichten über das Wesen der Zeit und des Todes.

Grundeinsichten der Sikhi: Die Verwobenheit allen Seins

Sikhi, so wird die Lebensweise der Sikhs im Original genannt, entwickelte sich ab dem 15. Jahrhundert n. Chr. im historischen Panjab, der heute zwischen Indien und Pakistan geteilt ist. Sie hat etwa 25 Millionen Anhänger, die sich Sikhs nennen. Sikhi fußt auf einzigartigen Traditionen, darunter einer eigenen poetischen Schriftsprache (Gurmukhi), Namensgebung, Rezitationskunst und einem noblen Erscheinungsbild, das durch einen kunstvoll gewickelten Turban ersichtlich wird. Sie geht auf spirituelle Weisheiten (Gurmat) zurück, die über 30 Weisen (Gur, Bhagat) offenbart wurden. Diese wurden im Verlaufe der Zeit schriftlich überliefert (Gurbani) und in einem Gesamtwerk, welches heute Guru Granth Sahib (GGS) genannt wird, zusammengetragen. Sikhi sieht alle Lebewesen als gleichwürdigen Teil einer Familie an. Ihre Weisheiten helfen, Kindheitsprägungen und die Identifikation mit vergänglichen Phänomenen sowie die Entfremdung von der Natur zu reflektieren, natürliche Bedürfnisse von Begierden zu unterscheiden und eine zyklische Weltsicht anzunehmen. Ausgehend davon inspirieren die Weisheiten zu einer spirituellen, gesunden, würdevollen sowie ethischen Lebensführung im Einklang mit der Umwelt und dem Göttlichen.

In diesem Zusammenhang hilft es, das Wort Guru einzuordnen. Es wird als ein Name für das namenlose Göttliche verwendet. Es steht für das lehrende Erleuchtungsprinzip im Kosmos, das im Sein selbst wirkt. Gur hingegen bezeichnet die Weisheit des Guru oder erleuchtete Botschafter. Damit sind demütige Diener gemeint, die die Weisheiten des Göttlichen in sich verkörpern und die ihnen offenbarten Weisheiten über ihr Sein ins Leben tragen. Gleichwohl sehen sich solche Diener selbst niemals als Meister oder Propheten, sondern als demütige Schüler, Sikhs, des einen göttlichen Lehrmeisters der Erleuchtung, dem Guru, der es allein vermag, den dunklen Schleier der Unkenntnis zu lüften.

ਭੁਲਣ ਅੰਦਰਿ ਸਭੁ ਕੋ ਅਭੁਲੁ ਗੁਰੂ ਕਰਤਾਰੁ ॥ GGS, 61, M.1

ਹਰਿ ਹਮਰਾ ਹਮ ਹਰਿ ਕੇ ਦਾਸੇ ਨਾਨਕ ਸਬਦੁ ਗੁਰੂ ਸਚੁ ਦੀਨਾ ਜੀਉ ॥੪॥੧੪॥੨੧॥ GGS, 100, M.5

In der Lebensweise der Sikhi nimmt Vertrauen in den Hukam eine zentrale Stellung ein. Damit ist eine kosmische Ordnung gemeint, die aus Zyklen des Werdens und der Veränderung besteht. Geburt, Leben und Tod werden nicht als Endpunkte angesehen, sondern als Übergänge innerhalb eines größeren Kreislaufs, der materielle, biologische und spirituelle Evolution ermöglicht.

ਜੰਮਣੁ ਮਰਣਾ ਹੁਕਮੁ ਹੈ ਭਾਣੈ ਆਵੈ ਜਾਇ ॥ GGS, 472, M.1

Diese Grundeinsicht kommt pointiert im Eröffnungsvers der Gurbani poetisch zum Ausdruck. Der Eröffnungsvers nähert sich dem Göttlichen wie folgt:

ੴ ਸਤਿ ਨਾਮੁ ਕਰਤਾ ਪੁਰਖੁ ਨਿਰਭਉ ਨਿਰਵੈਰੁ ਅਕਾਲ ਮੂਰਤਿ ਅਜੂਨੀ ਸੈਭੰ ਗੁਰ ਪ੍ਰਸਾਦਿ ॥ GGS, 1, M.1

Die ersten Worte Ik Oankar symbolisieren ewige Einheit. Sie weisen auf eine unendliche und wahrhafte kreative Quelle allen Lebens hin. Sie ist jenseits von Angst und Feindschaft, weder altert sie noch ist sie Geburt und Tod unterworfen. Diese schöpferische Kraft ist in allem gegenwärtig und trägt weibliches und männliches in sich. Sie wird im weiteren Verlauf unter anderem als kosmischer Ozean beschrieben, der von jeher wahr war, wahr ist und immer wahr sein wird. Dieser göttliche Ozean trägt alles Seiende in sich und besteht aus unendlichen erleuchteten Seelentropfen.

ਆਦਿ ਸਚੁ ਜੁਗਾਦਿ ਸਚੁ ॥ ਹੈ ਭੀ ਸਚੁ ਨਾਨਕ ਹੋਸੀ ਭੀ ਸਚੁ ॥੧॥ GGS, 1, M.1

ਆਪਹਿ ਏਕ ਆਪਹਿ ਅਨੇਕ ॥ GGS, 279, M.5

ਸਾਗਰ ਮਹਿ ਬੂੰਦ ਬੂੰਦ ਮਹਿ ਸਾਗਰੁ ਕਵਣੁ ਬੁਝੈ ਬਿਧਿ ਜਾਣੈ ॥ GGS, 878, M.1

Während in der Sikhi also von einer unergründlichen und ewigen Verwobenheit gesprochen wird, dessen Mysterium niemand, auch keine religiösen Gelehrten oder Schriften, angemessen zu beschreiben vermögen, sprechen Quantenphysiker von relationalen Modellen, vernetzter Raumzeit und von Quantenverschränkung, bei der Teilchen und Felder über Raumgrenzen hinweg miteinander korrelieren. Das Universum besteht demnach nicht einfach aus Objekten, sondern aus Relationen (Goswami, Reed, & Goswami, 1993; Rovelli, 2021).

ਕਵਣਿ ਸਿ ਰੁਤੀ ਮਾਹੁ ਕਵਣੁ ਜਿਤੁ ਹੋਆ ਆਕਾਰੁ ॥ … ਜਾ ਕਰਤਾ ਸਿਰਠੀ ਕਉ ਸਾਜੇ ਆਪੇ ਜਾਣੈ ਸੋਈ ॥ GGS, 4, M.1

Auf einer makrokosmischen Ebene beschreiben die Weisheiten, dass alles Existierende sich fortwährend verändert und expandiert und irgendwann ähnlich einem schwarzen Loch wieder in sich zusammenfällt. So wird für unbestimmte Zeit eine unmanifestierte Ordnung durch eine Versunkenheit der ewigen Einheit in sich selbst herrschen (Sun Samadhi). Sobald das Mysterium der Einheit die Ruhephase beendet, erwacht das Universum und das kosmische Spiel beginnt von vorn, ohne ein lineares Endziel.

ਅਰਬਦ ਨਰਬਦ ਧੁੰਧੂਕਾਰਾ ॥ ਧਰਣਿ ਨ ਗਗਨਾ ਹੁਕਮੁ ਅਪਾਰਾ ॥ ਨਾ ਦਿਨੁ ਰੈਨਿ ਨ ਚੰਦੁ ਨ ਸੂਰਜੁ ਸੁੰਨ ਸਮਾਧਿ ਲਗਾਇਦਾ ॥੧॥ GGS, 1035, M.1

ਕਈ ਬਾਰ ਪਸਰਿਓ ਪਾਸਾਰ ॥ ਸਦਾ ਸਦਾ ਇਕੁ ਏਕੰਕਾਰ ॥ GGS, 276, M.5

Das Leben als seelische Heilstätte

Ausgehend vom zyklischen Grundverständnis zeichnet sich eine spirituelle Lebensführung in der Sikhi dadurch aus, dass der körperliche Tod weder als etwas Furchtbares noch als ein Zeitpunkt der Bestrafung angesehen wird. Der Tod wird als Übergang wahrgenommen. Aus Sicht des bisherigen Lebens schließt sich hinter einem eine Tür. Aus der Perspektive des neuen Lebens ist eine neue Pforte aufgegangen, durch die man frisch hindurch gegangen ist. In dem neuen Raum kann nun die Therapie der inneren Vervollkommnung mit den Umständen fortgeführt werden, die zur Heilung dienlich sind. Alles Vergängliche wie der Körper und die soziale Identität wurden hinter sich gelassen. Gleichwohl ist der seelische Grad der Erkenntnis, in anderen Worten die Reinheit des Lichtes der Seele, als Essenz erhalten geblieben.

ਸਭ ਬੁਧੀ ਜਾਲੀਅਹਿ ਇਕੁ ਰਹੈ ਤਤੁ ਗਿਆਨੁ ॥੪॥ GGS, 1413, M.3

Gemäß diesen Einsichten wird das Leben als therapeutische Heilstätte für alle inkarnierten Seelen angesehen, die aufgrund ihrer Überheblichkeit eine Trennung von ihrer eigentlichen spirituellen Heimat und Familie erleben. Nach unzähligen Reinkarnationen durch alle Lebensformen im Zuge spiritueller Evolution kann ein erwachter Mensch wieder vollständige Einheit erfahren und aus der Diaspora zur ursprünglichen göttlichen Familie in der Heimat zurückkehren.

ਯਾ ਜੁਗ ਮਹਿ ਏਕਹਿ ਕਉ ਆਇਆ ॥ ਜਨਮਤ ਮੋਹਿਓ ਮੋਹਨੀ ਮਾਇਆ ॥ GGS, 251, M.5

ਲਖ ਚਉਰਾਸੀਹ ਜੋਨਿ ਸਬਾਈ॥ ਮਾਣਸ ਕਉ ਪ੍ਰਭਿ ਦੀਈ ਵਡਿਆਈ॥ GGS, 1075, M.5

ਪਸੁ ਪੰਖੀ ਬਿਰਖ ਅਸਥਾਵਰ ਬਹੁ ਬਿਧਿ ਜੋਨਿ ਭ੍ਰਮਿਓ ਅਤਿ ਭਾਰੀ॥ GGS, 1388, M.5

ਹਉ ਆਇਆ ਦੂਰਹੁ ਚਲਿ ਕੈ ਮੈ ਤਕੀ ਤਉ ਸਰਣਾਇ ਜੀਉ॥ GGS, 763, M.5

Abbildung 1: Schematische Darstellung spiritueller Evolution: Je verhafteter ein Mensch mit vergänglichen Phänomenen ist, desto größer sein Ego und seine Anziehung zum Weltlichen. Je gleichmütiger und spiritueller ein Mensch wird, desto kleiner sein Ego und geringer die weltliche Anziehung. Die Auflösung des Egos ist erreicht, wenn vollständige seelische Heilung und ein Zustand der Vervollkommnung erreicht wird. Der Kreislauf von Leben und Tod ist dann überwunden. Die Seele erhöht sich aus den weltlichen Niederungen und kehrt zurück ins Heimatland aller erleuchteten Seelen.
Credits: KI, Gemini, 12.5.2026

Die Wahrnehmung von Zeit als lineares Phänomen wird als eine menschliche Illusion angesehen, die durch eine unbewusste Lebensführung erzeugt wird. Diese ist geprägt von einer Identifikation mit dem, was materiell nachweisbar oder mit den Sinnesorganen erlebbar ist. Genau in einer weltbejahenden gleichwohl gleichmütigen Transzendierung vergänglicher Phänomene wird jedoch die Tiefe der Existenz gesehen.

Die Kunst lebend zu sterben

Der Tod wird in den Weisheiten der Sikhi immer wieder als Metapher für einen fortwährenden Zustand des Gleichmuts verwendet. Beherrscht ein Mensch diese Kunst, sind egogetriebene Anhaftungen und der Wunsch nach Ruhm, Reichtum und Macht überwunden. Solch ein Mensch führt ein freudvolles und ethisches Leben, reflektiert die Auswirkungen des eigenen Denkens und Handelns mit Weitsicht und bringt sich dort gesellschaftlich ein, wo erforderlich.

ਹਸੰਦਿਆ ਖੇਲੰਦਿਆ ਪੈਨੰਦਿਆ ਖਾਵੰਦਿਆ ਵਿਚੇ ਹੋਵੈ ਮੁਕਤਿ ॥੨॥ GGS, 522, M.5

ਮੰਦਾ ਮੂਲਿ ਨ ਕੀਚਈ ਦੇ ਲੰਮੀ ਨਦਰਿ ਨਿਹਾਲੀਐ ॥ ਜਿਉ ਸਾਹਿਬ ਨਾਲਿ ਨ ਹਾਰੀਐ ਤੇਵੇਹਾ ਪਾਸਾ ਢਾਲੀਐ ॥ GGS, 474, M.2

Ein Mensch von dieser inneren Reife wird als jemand beschrieben, der lebend gestorben und gerade deshalb unsterblich ist (Jiwan Mukat). Für ihn hat das Ende der Welt bereits stattgefunden, da die Illusionen der Vergänglichkeit durchschaut wurden.

ਜੀਵਨ ਮੁਕਤਿ ਸੋ ਆਖੀਐ ਮਰਿ ਜੀਵੈ ਮਰਿਆ ॥ GGS, 1098, M.5

ਕਬੀਰ ਜਿਸੁ ਮਰਨੇ ਤੇ ਜਗੁ ਡਰੈ ਮੇਰੇ ਮਨਿ ਆਨੰਦੁ ॥ ਮਰਨੇ ਹੀ ਤੇ ਪਾਈਐ ਪੂਰਨੁ ਪਰਮਾਨੰਦੁ ॥੨੨॥ GGS, 1365, Bhagat Kabir

Weder ein zukünftiges endgültiges Gericht noch der Tod richten demzufolge über den Menschen, sondern seine gegenwärtige Ausrichtung. Die Weisheiten der Sikhi betonen in diesem Kontext, dass es kosmische Prinzipien gibt, die in jedem Moment für alles Existierende wirksam sind. Dazu gehört einerseits der Zusammenhang von Ursache und Wirkung. Die individuellen und kollektiven Konsequenzen des Denkens und Handelns bilden entsprechend das Schicksal. Andererseits umfasst es, dass Energie in einem abgeschlossenen System weder erschaffen noch vernichtet, sondern lediglich umgewandelt werden kann. Demgemäß geht im Universum weder materiell noch spirituell irgendetwas wirklich verloren, sondern ist lediglich einem Fluss der Wandlung unterworfen.

ਧਰਮ ਰਾਇ ਨੋ ਹੁਕਮੁ ਹੈ ਬਹਿ ਸਚਾ ਧਰਮੁ ਬੀਚਾਰਿ ॥ ਦੂਜੈ ਭਾਇ ਦੁਸਟੁ ਆਤਮਾ ਓਹੁ ਤੇਰੀ ਸਰਕਾਰ ॥ GGS, 38, M.3

ਜੇਹਾ ਬੀਜੈ ਸੋ ਲੁਣੈ ਮਥੈ ਜੋ ਲਿਖਿਆਸੁ ॥ ਰੈਣਿ ਵਿਹਾਣੀ ਪਛੁਤਾਣੀ ਉਠਿ ਚਲੀ ਗਈ ਨਿਰਾਸ ॥ GGS, 133, M.5

ਨਾ ਕਛੁ ਆਇਬੋ ਨਾ ਕਛੁ ਜਾਇਬੋ ਰਾਮ ਕੀ ਦੁਹਾਈ ॥੧॥ ਰਹਾਉ ॥ ਜੋ ਬ੍ਰਹਮੰਡੇ ਸੋਈ ਪਿੰਡੇ ਜੋ ਖੋਜੈ ਸੋ ਪਾਵੈ ॥ GGS, 695, Bhagat Pipa

Himmel und Hölle dienen in diesem Zusammenhang als Metaphern für seelische Bewusstseinszustände. Hass und Gier etwa führen dazu, dass Menschen in destruktiven Mustern verhaftet bleiben. Wiedergeburt beschreibt daher nicht nur einen existenziellen Übergang, sondern auch die Wiederkehr egoistischer Muster. Lebt ein Mensch im Einklang mit seinem seelischen Selbst und dem Fluss des Lebens, entstehen Vertrauen und Lebensfreude. Dieser Zustand wird unter anderem als paradiesisch beschrieben. Leidet ein Mensch, weil zum Beispiel unersättliche Begierden unerfüllt bleiben, wird es als Höllenqual bezeichnet.

ਮਮਾ ਜਾਹੂ ਮਰਮੁ ਪਛਾਨਾ ॥ ਭੇਟਤ ਸਾਧਸੰਗ ਪਤੀਆਨਾ ॥ ਦੁਖ ਸੁਖ ਉਆ ਕੈ ਸਮਤ ਬੀਚਾਰਾ ॥ ਨਰਕ ਸੁਰਗ ਰਹਤ ਅਉਤਾਰਾ ॥ ਤਾਹੂ ਸੰਗ ਤਾਹੂ ਨਿਰਲੇਪਾ ॥ GGS, 259, M.5

Jahreszeiten zur Selbstreflexion und Bewusstmachung seelischer Reifung

Eine inspirierende Übung zur Selbstreflexion und Bewusstmachung unserer Prägungen, Muster und unseres inneren Bewusstseinszustandes finden wir in den Versen des Barh Maha.

ਬਾਰਹ ਮਾਹਾ ਮਾਂਝ ਮਹਲਾ ੫

ਤੁਖਾਰੀ ਛੰਤ ਮਹਲਾ ੧ ਬਾਰਹ ਮਾਹਾ

Die Verse wurden den Weisen Gur Nanak (GGS, 1107-1110, M.1) und Gur Arjan (GGS, 133-136, M.5) offenbart. Sie nutzen den vertrauten Charakter der Jahreszeiten als Metapher für die spirituelle Evolution eines Suchenden und beschreiben seinen Erfahrungsraum und seine inneren Zustände innerhalb des Lebenskreislaufs. Die sengende Hitze, der erlösende Regen oder der klirrende Frost bilden einen Spiegel für den Zustand der eigenen Seele auf ihrem Weg der Vervollkommnung. Die Kompositionen transzendieren Vorstellungen von Jahreszeiten oder heiligen Orten. So steht ein kaltherziger Egoismus für spirituelle Öde inmitten des Frühlings. Der kälteste Winter erscheint angenehm, wenn bedingungslose Liebe und Weisheit die Herzen erwärmt. Der jeweilige Zyklus endet entsprechend nicht mit einem Datum, einer Jahreszeit oder an einem bestimmten Ort, sondern mit der erreichten Bewusstseinsstufe. Ausgehend davon wird ein wahrhafter Frühling und Feiertag als die Zeit beschrieben, in der intuitiv im Einklang mit dem Fluss des Lebens gelebt und die spirituellen Früchte eines tugendhaften Lebens geerntet werden.

ਨਾਨਕ ਵੈਸਾਖੀਂ ਪ੍ਰਭੁ ਪਾਵੈ ਸੁਰਤਿ ਸਬਦਿ ਮਨੁ ਮਾਨਾ ॥੬॥ GGS, 1108, M.1

ਸਾਈ ਘੜੀ ਸੁਲਖਣੀ ਸਿਮਰਤ ਹਰਿ ਨਾਮ ॥੧॥ ਰਹਾਉ ॥ GGS, 815, M.5

Epistemische Kolonisierung von Zeit- und Todesvorstellungen der Sikhi

Trotz dieser nicht-dualistischen und zyklischen Einsichten zu den Themen Zeit und Tod ist es zu einer epistemischen Kolonisierung, also Besetzung des Denkens, in der Sikhi gekommen, die eine Entfremdung von der spirituellen Lebensweise hervorgebracht hat.

Ein Grund hierfür ist, dass Sikhs aufgrund ihrer einzigartigen und souveränen Lebensweise zunehmend Unterdrückung und Verfolgung ausgesetzt waren. Sikhs hinterfragten bestehende gesellschaftliche Dogmen wie das Kastensystem, Glaubensvorstellungen und ritualisierte und profitorientierte Praktiken sowie Gewalt im Namen der Religion. Dies führte dazu, dass die Tradierung der Weisheiten in dem andauernden Überlebenskampf gegen hinduistische und muslimische Machthaber und im weiteren Verlauf gegen die britischen Kolonisatoren stockte. Die vielfältigen Formen der Kolonisierung über die Jahrhunderte hinweg förderten Dogmatismus, Abgrenzung und Institutionalisierung sowie eine zunehmende Ritualisierung und Kapitalisierung. Hinduistisch, muslimisch und abrahamitisch gefärbte Übersetzungen und Interpretationen beeinflussten die Lebensweise immer stärker. So wurde Sikhi im Verlaufe der Geschichte zum monotheistischen „Sikhismus“ oder zu einem synkretistischen Kriegertum bzw. einer Gesangs- und Meditationstradition reduziert (Oberoi, 1994; Mandair, 2009; Mandair, 2013; Bhogal, 2014).

Es ist wichtig, sich zu vergegenwärtigen, dass bewusste oder unbewusste Formen der Kolonisierung keine Einbahnstraße sind. Entfremdungserscheinungen finden auf vielfältige Weise auch aus dem Inneren heraus statt. Sie zeigen sich in der Sikhi unter anderem darin, dass mangelhafte Interpretationen und Übersetzungen, die online oder über Apps frei zugänglich sind, global dominieren. Eine weitere Facette der Entfremdung wird sichtbar, wenn Akteure Sikhi als seelenlosen Humanismus darstellen. Dabei wird selbst der zentrale Kern der Sikhi, die spirituelle göttliche Kraft, die das Leben hervorbringt, geleugnet. So wird der Mensch als molekulares Zufallsprodukt präsentiert, bei dem der Tod mit dem Kaputtgehen einer biologischen Maschine gleichgesetzt wird. Die sogenannten sozialen Medien verstärken die daraus entstehende Kakophonie und Desorientierung bei den Anhängern. Chatbots auf Basis von sogenannter Künstlicher Intelligenz wie ChatGPT, Claude, Copilot oder Gemini verfestigen zusätzlich dominierende Diskurse, Missinterpretationen und wörtliche Übersetzungen der metaphorischen Weisheiten.

Fazit

Zeit ist keine neutrale Konstante, sondern ein Spiegel von Weltanschauungen und Machkonstellationen. Die Geschichte der Menschheit legt nahe, dass lineare Vorstellungen neben all ihren weltlichen Errungenschaften dazu verleiten, zu kontrollieren und zu optimieren, den Tod als Bedrohung zu sehen und die Natur als Ausbeutungsmasse zu behandeln. Zyklische Ansichten scheinen dazu beizutragen, sich eher als Gast auf Mutter Erde zu sehen, im Vergehen eine Form des Werdens und im Tod einen Übergang zu erkennen und die Natur als einen lebendigen und mit seinen Bewohnern verwobenen Organismus zu sehen, der Respekt verdient. Komplementäre Perspektiven, die in diesem Essay angerissen wurden, können helfen, lineare Wachstumsmodelle durch ganzheitlichere Ansätze zu erweitern und so die Langzeitschäden unseres Wirkens für uns selbst, die Tierwelt und die Natur zu reduzieren. Eine zyklische Weltsicht ermutigt uns zum Zuhören und Beobachten. Sie trägt bei zu Demut und Balance. Letztlich führt sie uns vor Augen: Alles kehrt zurück zum Ursprung.

Das Flusswasser fließt.
Umschifft jede Hürde.
Mündet ins Meer.
Fluss und Meer waren zwei.
Und doch immer eins.

Literaturverzeichnis

Adam, B. (1990). Time and Social Theory. Cambridge: Polity Press.

Attia, P. & Gifford, B. (2023). Outlive: The Science and Art of Longevity. New York: Harmony Books.

Bhogal, B. S. (2014). Postcolonial and Postmodern Perspectives on Sikhism. In P. Singh & L. E. Fenech (Hrsg.), The Oxford Handbook of Sikh Studies (S. 282–297). Oxford: Oxford University Press.

Borst, A. (1990). Computus: Zeit und Zahl in der Geschichte Europas. Berlin: Wagenbach.

Christian, D. (2018). Origin Story: A Big History of Everything. New York: Little, Brown and Company.

Comaroff, J. & Comaroff, J. (1991). Of Revelation and Revolution: Christianity, Colonialism, and Consciousness in South Africa. Chicago: University of Chicago Press.

Emiliani, C. (1993). Calendar Reform. Nature, 366(6457), S. 716.

Ende, M. (1973). Momo. Stuttgart: Thienemann.

Ettinger, R. C. W. (1962). The Prospect of Immortality. New York: Doubleday.

Fanon, F. (1967). Black Skin, White Masks. New York: Grove Press.

Goswami, A., Reed, R. E. & Goswami, M. (1993). The Self-Aware Universe: How Consciousness Creates the Material World. New York: Jeremy P. Tarcher/Putnam.

Guru Granth Sahib. (o. J.). www.sikhi.eu/s/GuruGranthSahib_Gurmukhi_Index_Unicode.pdf. 12.05.2026

Haidt, J. (2024). The Anxious Generation: How the Great Rewiring of Childhood Is Causing an Epidemic of Mental Illness. New York: Penguin Press.

Hall, E. T. (1983). The Dance of Life: The Other Dimension of Time. New York: Anchor Press.

Helliwell, J.F., Layard, R., Sachs, J.D., De Neve, J.-E., Aknin, L.B. & Wang, S. (Hrsg.) (2026). World Happiness Report 2026. Oxford: Wellbeing Research Centre, University of Oxford.

Knoll, A. H. (2003). Life on a Young Planet: The First Three Billion Years of Evolution on Earth. Princeton: Princeton University Press.

Mandair, A.-P. S. (2009). Religion and the Specter of the West: Sikhism, India, Postcoloniality, and the Politics of Translation. New York: Columbia University Press.

Mandair, A.-P. S. (2013). Sikhism: A Guide for the Perplexed. London: Bloomsbury Academic.

Mbiti, J. S. (1969). African Religions and Philosophy. London: Heinemann.

More, M. (2013). The Philosophy of Transhumanism. In M. More & N. Vita-More (Hrsg.), The Transhumanist Reader (S. 3–17). Oxford: Wiley-Blackwell.

Mudimbe, V.-Y. (1988). The Invention of Africa: Gnosis, Philosophy, and the Order of Knowledge. Bloomington: Indiana University Press.

Nanni, G. (2012). The Colonization of Time: Ritual, Routine and Resistance in the British Empire. Manchester: Manchester University Press.

Needham, J. (1959). Science and Civilisation in China. Vol. 3: Mathematics and the Sciences of the Heavens and the Earth. Cambridge: Cambridge University Press.

Ngũgĩ wa Thiong'o (1986). Decolonising the Mind: The Politics of Language in African Literature. London: James Currey.

Oberoi, H. (1994). The Construction of Religious Boundaries: Culture, Identity, and Diversity in the Sikh Tradition. Chicago: University of Chicago Press.

Pannenberg, W. (1993). Systematische Theologie. Band 3. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

Richards, E. G. (1998). Mapping Time: The Calendar and Its History. Oxford: Oxford University Press.

Rosa, H. (2005). Beschleunigung: Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Rovelli, C. (2021). Helgoland. Hamburg: Rowohlt.

Rushkoff, D. (2013). Present Shock: When Everything Happens Now. New York: Current.

Said, E. W. (1978). Orientalism. New York: Pantheon Books.

Shiva, V. (1993). Monocultures of the Mind: Perspectives on Biodiversity and Biotechnology. London: Zed Books.

Steel, D. (2000). Marking Time: The Epic Quest to Invent the Perfect Calendar. New York: Wiley.

Wajcman, J. (2015). Pressed for Time: The Acceleration of Life in Digital Capitalism. Chicago: University of Chicago Press.

Wittmann, M. (2016). Felt Time: The Science of How We Experience Time. Cambridge: MIT Press.

Quelle: Singh, Khushwant (2026). Zeitvorstellungen in der Sikhi: Momo, Linearität, Kolonisierung und die Kunst der Zirkularität. In: Al-Mustafa Institut (Hrsg.): The Turn. Internationale Zeitschrift für Islamische Philosophie – Theologie – Mystik. Heft 2-2026, Ausgabe 10 (S. 89-105).

Khushwant Singh

arbeitet in der Internationalen Zusammenarbeit. Er hat Ethnologie und Erziehungswissenschaften an der Universität Heidelberg (Magister) sowie Sozialanthropologie am Goldsmiths College der University of London (Master of Research) studiert und jeweils mit Auszeichnung abgeschlossen. Er engagiert sich ehrenamtlich im interreligiösen Dialog und ist Gründungsmitglied und ehemaliger Vorsitzender des Rates der Religionen Frankfurt. Singh kooperiert u.a. mit der Stiftung Weltethos, Religionen Entdecken, dem Bundeskongress der Räte der Religionen, dem Abrahamischen Forum (Religionsgespräche), dem Arbeitskreis Religionen und Naturschutz und der Stiftung gegen Rassismus. Ausgehend von Gurmat, zeitlosen Weisheiten, die im Zentrum der Sikhi stehen, widmet sich Singh der Jugendarbeit sowie der generationenübergreifenden Herzensbildung. Er publiziert auf Deutsch und Englisch zu den Themen Ethik, Spiritualität, Verhaltensänderung, Nachhaltigkeit und globalen Herausforderungen der Menschheit. Singh spricht auf Konferenzen, an Universitäten und Schulen und produziert den WisdomTalk Podcast “Leben mit Weisheit Living with Wisdom”.

Next
Next

9/11: „Ich ahnte, das wird vieles verändern“